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Mittwoch, 2. März 2011

Von Samples - oder: die verflixte Sache mit dem Eigentum

Was für eine Steilvorlage! Dass unser Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg auch hier in einem Musikblog (s)eine Würdigung erfahren soll, ist gar nicht so weit herbeigeholt. Ein Zitat in einer Doktorarbeit ist schliesslich auch nichts anderes als ein Sample.

Nun hat "das Sample" in der jüngeren Musikkultur einen weitaus populäreren Stellenwert als das Zitat in einer schriftlichen Arbeit. Die Anfänge der Hiphop-Kultur, ja die ganze jüngere elektronische Musik- und Clubkultur wäre ohne Samples nicht denkbar. Wohlgemerkt: Das Sample, nicht die ungefragte Nutzung dessen. Was also die Fussnote in einem Text, das ist der Deal im Musikbusiness. Und der gereicht im Idealfall zum Vorteil beider Seiten, man denke nur an den Welthit "Hung up" von Madonna mit dem recycelten Abba Zitat. Was die in den 60ern aufgestellte These von McLuhan "Das Medium ist die Botschaft" (1) überraschend aktuell macht: Ein aus dem Autoradio trällernder Song ist nunmal leichter konsumierbar als 100 Seiten Bleiwüste in einem staubigem Bibliotheksarchiv.

Nun soll hier aber nicht die x-te Spekulation fortgeführt werden, warum der Ex-Lieblingspolitiker der Union Samples verwendet hat, wie er sie nunmal verwendet hat. Oder ob gefühlte 70% aller Doktortitel nur deshalb gemacht/erschummelt/gekauft/ge-ghostwritet werden, um im kleinpiefeligen Rennen um die besten Plätze in unserer Ellbogen-Gesellschaft mitzuhalten. Vielmehr wäre dies ein Anlass, um über den Begriff des "Urheberrechts" grundsätzlich nachzudenken. Bezeichnenderweise wird dieser Begriff fast immer synonym verwendet mit dem Rechts-Konstrukt des "geistigen Eigentums". In der aktuellen Diskussion wird dieses Konstrukt aber kaum hinterfragt. Du sollst nicht abschreiben. Punkt. Eine Norm, in Stein gehauen für die Ewigkeit.

Wirklich?
Ja - solange gesamtgesellschaftliche Parameter nicht hinterfragt werden, die da lauten: Privateigentum, Profitmaximierung und individuelles Gewinnstreben.
Nein - wenn man sich eine Gesellschafts- und Wirtschaftsform vorstellt, deren Primat tatsächlich das Gemeinwohl ist. Da würde nämlich das Konstrukt vom "geistigen Eigentum" ungefähr soviel Sinn machen wie das sprichwörtliche fünfte Rad am Wagen. Eigentum bzw. das hieraus abgeleitete Verwertungsrecht an einer schöpferischen oder geistigen Leistung macht ja nur Sinn, wenn etwas hinterher versilbert werden soll.

Im übrigen schafft das www selbst längst Tatsachen, die erst im Nachlauf diskutiert werden. Als ein einziges gigantisches Mash-Up von Verweisen ist das Web die "Verweis-Kultur" per se. Für alle zugänglich, für alle anklickbar. Der Begriff der "Autorschaft" wird da sehr relativ. Nicht umsonst heisst der entsprechende HTML Tag auch "hyper reference".

Achtung! Fussnote! Ohne Link!
(1) Marshall McLuhan, The Medium is the Massage: An Inventory of Effects with Quentin Fiore, produced by Jerome Agel; 1st Ed.: Random House, 1967; reissued by Gingko Press, 2001

Montag, 31. Mai 2010

Gaga in Oslo

Der Eurovision Song Contest (früher: Grand Prix d'Eurovision de la Chanson) war ja noch nie dafür bekannt, künstlerisch Epochales zu präsentieren (von einigen Ausnahmen wie Abba mal abgesehen). Aber was dieses Wochenende in Oslo geschah, dazu fällt mir, in Anlehnung an Reich Ranickis legendärer Medienschelte, nur noch ein: "Unerträglich".

Nein, es geht nicht um "Sie". Lena schlägt sich in Anbetracht des Hypes wirklich gut. Es geht um den medialen Widerhall. Denn, nüchtern betrachtet, was ist passiert? Ein ziemlich junges Mädchen mit ziemlich durchschnittlichem Gesangstalent singt ein ziemlich belangloses Liedchen. Und das hat sie noch nicht mal selber geschrieben, sondern ist auch nur das Ergebnis einer Casting Show.
Und sie gewinnt damit. Was nun folgt, ist ein Medien-Tamtam ohnegleichen: "Deutschland verzaubert", "Europa liegt Ihr zu Füssen", TV Sondersendungen, Aufmacher selbst in der hochseriösen Tagesschau, und jeder Radiosender scheint nur noch eine einzige Vokabel stammeln zu können: Lena.

Hab ich was verpasst? Belanglosigkeit mal Girlie-Faktor = Zeitgeist? Da halte ich es lieber mit Lady Gaga. Da ist der Name wenigstens Programm. Und (nicht nur) deswegen mit weitaus mehr Gehalt.